Meine Aortendissektion im Jahr 2012
2012 habe ich selbst eine Aortendissektion erlebt. Überlebt habe ich sie nur, weil im Herzzentrum Leipzig schnell und kompetent eingegriffen wurde.
Von 2012 bis heute
-
Wie ein Schuss in die Brust – ohne Wunde
Das Ereignis fühlte sich an wie ein plötzlicher Schuss in die Brust – ohne Wunde. Danach ein, zwei Minuten nichts, nur irgendein „Wühlen“ in der Brust. Nach etwa 60 Sekunden wurde mein linkes Bein hölzern, verlor alle Kraft, wurde komplett schlaff. Nach weiteren zwei bis drei Minuten auch das rechte.
Das war der Beginn der Querschnittlähmung: Beide Beine ließen sich überhaupt nicht mehr ansteuern. Möglich war nur noch das Kriechen auf dem Boden.
- Brust: „wie ein Schuss“, ohne Wunde
- linkes Bein: nach etwa 60 Sekunden
- rechtes Bein: nach weiteren zwei bis drei Minuten
-
Vor verschlossener Tür
An diesem Abend war ich allein. Ich robbte schon auf dem Boden herum und musste mir die Sachen irgendwie zusammensuchen. Den Notruf habe ich selbst gewählt – kein Problem, das geht mit dem Handy. Türsummer und Sprechanlage zu bedienen war dann schon ein bisschen akrobatisch.
Aber das Haus, ein Altbau mit mehreren Etagen mitten in Leipzig, war verschlossen. Richtig abgeschlossen. Mit dem Rettungsteam konnte ich nur über die Sprechanlage reden.
Der Rettungsdienst kam nicht hinein. Die Polizei kam nicht hinein. Es musste erst die Feuerwehr gerufen werden.
Das war wichtige Zeit, die verloren ging.
Zeichnung: mit KI erstellt (Gemini) -
45 Minuten nach dem Schuss
Dann kam das Kammerflimmern, und ich musste wiederbelebt werden. Dazu kam ein Schlaganfall.
Was mich gerettet hat, war eine Notaufnahme, die genau hingesehen hat. In der Uniklinik Leipzig fiel nach einem Notfall-CT schnell die richtige Diagnose – und damit die einzig richtigen Maßnahmen zum rechtzeitigen Zeitpunkt. Bereits in Narkose wurde ich an das Herzzentrum Leipzig übergeben. In einer Not-Operation wurde die Aortenklappe rekonstruiert, der Aortenbogen ersetzt und am Bein ein Stent gesetzt, damit das Blut wieder dorthin kam, wo es hingehört.
-
Warum ausgerechnet die Lähmung
Weil man dem Anfang nichts ansah: ein Schuss in die Brust – ohne Wunde, danach ein, zwei Minuten nichts. Ein Schmerz in der Brust lässt sich wegerklären. Zwei Beine, die nicht mehr gehorchen, lassen sich nicht wegerklären. Und auch heute noch wird eine Aortendissektion zu oft nicht rechtzeitig erkannt.
Was da in mir geschah, habe ich erst Wochen später verstanden. Mein linkes Bein wusste es nach einer Minute.
So gesehen: Danke für die Lähmung! Sie blieb. Immerhin kehrten Restfunktionen zurück, ein paar Meter zu Fuß waren wieder möglich.

-
Was es gekostet hat
Mit der einen Operation war es nicht getan. 2015 folgte eine zweite offene Operation. 2016 entzündete sich die implantierte Aorta und es wurde eine Sepsis daraus – eine erneute Operation wäre zu riskant gewesen, also lag ich sechs Wochen an der Infusion mit Reserveantibiotika. 2020 und 2022 kamen weitere Eingriffe dazu.
Das gehört dazu, wenn ich ehrlich erzähle. Diese Krankheit ist nach der ersten Operation nicht vorbei. Sie wird ein Teil des Kalenders.
- 2012
- 2015
- 2016
- 2020
- 2022
Operation oder Eingriff Sepsis, sechs Wochen an der Infusion -
Heute
Ich erreiche im Alltag wieder jeden Ort zu Fuß. Treppen? Kein Problem.
Was mir seitdem auffällt: wie viele Barrieren wir uns leisten, ohne dass es jemandem auffällt, der sie nicht braucht. Das fängt beim Bäcker an, geht in der Stammkneipe weiter und hört nicht einmal bei Ärztehäusern auf. Die meisten ließen sich ohne großen Aufwand beseitigen – im Eingangsbereich von Gaststätten, in kulturellen Einrichtungen, in Innenstädten, die doch so gerne belebt werden wollen.
Eine Barriere kenne ich von innen. Schließt Eure Mehrfamilienhäuser nachts nicht ab. Wenn im Notfall das Rettungsteam keinen Zugang findet, verstreicht wertvolle Zeit zwischen Leben und Tod. Selbst erlebt, und ich bin einer derjenigen, die das noch fordern dürfen.
Aus der Erfahrung mit der Dissektion ist mein Thema geworden: der Umgang mit Krisen, Belastung und Krankheit – und die Ressourcen, die einen Menschen dabei tragen. Geplant war das nicht. Es ist das, was blieb, als ich zurück ins Leben durfte.
Und es reicht weit über die Aortendissektion hinaus. Psychische Erkrankungen gehören heute zu den häufigsten Gründen für Fehltage im Beruf (öffnet in neuem Fenster) (DAK-Psychreport 2025) – wie man mit Belastung umgeht, ist deshalb auch in Firmen mehr denn je eine Frage.
An dieser Frage arbeite ich inzwischen auch beruflich, als Ressourcenexperte: mit Teams und mit Menschen in Verantwortung (ressourcenexperte.de (öffnet in neuem Fenster), tagesworkshop.de (öffnet in neuem Fenster)). Diese Seite hier bleibt davon getrennt: privat, werbefrei und ohne Angebote.
Und wenn Du gerade Statistiken liest
Dann lass Dir das von jemandem sagen, der seit 2012 dabei ist: Zahlen zu Überlebensraten beziehen sich immer auf eine bestimmte Stichprobe und einen bestimmten Zeitraum. Über Dich sagen sie nichts. Wird ein Zeitraum von zwei Jahren untersucht, sind das keine Aussagen über vier, sechs oder zehn Jahre.
Oder ganz pragmatisch: Die Tatsache, dass Du diese Zeilen liest, zeigt, dass schon sehr viel sehr gut gelaufen ist.
Es ist wie mit einem Neuwagen: Der erste Kratzer ist eine Katastrophe. Aber nach ein paar Jahren und bei guter Wartung läuft und läuft er. Trotz Kratzer.
